Tattooaktion: Vogelschutz geht unter die Haut

„Ich habe das Motiv gesehen und wusste: Das will ich haben“, erzählt Anja Lia Kübler, während Yves Weber die Vorlage eines Mauserseglers an ihren linken Oberarm anpasst. Als sie zudem über eine befreundete Ornithologin mehr über die besondere Lebensweise des Mauerseglers erfuhr, bestärkte sie das in ihrer Entscheidung. Anja Lia Kübler war nun eine von mehr als zehn Personen, die am Aktionstag der Rohr-Vogelschutz-Stiftung Bodensee im Tattoo-Studio Nachtschatten in Radolfzell teilgenommen und sich ein Vogel-Tattoo haben stechen lassen.

Dr. Patrick Pyttel, der als Mitarbeiter der Bodensee-Stiftung in Vogelschutzprojekten der Rohr-Vogelschutz-Stiftung engagiert ist, hatte die Aktion ins Leben gerufen. Ziel: auf die zunehmend schwierige Situation von Zugvögeln aufmerksam zu machen. Millionen von Zugvögeln überqueren jedes Jahr Länder und Kontinente. Sie sind auf geeignete Brut-, Rast- und Nahrungsgebiete entlang ihrer gesamten Zugroute angewiesen – darunter auch am Bodensee. Lebensraumverlust, fehlendes Nahrungsangebot, Klimaveränderungen und Störungen gefährden viele Arten.

Eine Frau steht stolz aufrecht und zeigt ihren Oberarm, auf dem ein frisch tätowierter Mauersegler zu sehen ist.
Anja Lia Kübler zeigt ihren neu tätowierten Mauersegler. Copyright: Bodensee-Stiftung
Ein Mann tätowiert einer liegenden blonden Frau einen Mauersegler auf das Schulterblatt.
Marco Ursini, Tätowierer beim Tattoo-Studio Nachtschatten in Radolfzell, sticht Viktoria Hildebrand anlässlich des Weltzugvogeltags einen Mauersegler. Wie sie waren weitere Kundinnen und Kunden gekommen, um sich anlässlich des Weltzugvogeltags ein Vogelmotiv stechen zu lassen. Copyright: Bodensee-Stiftung

Mit Reaktionen wie von Anja Lia Kübler hat sich für Dr. Patrick Pyttel die Aktion schon gelohnt: Menschen für Vögel zu begeistern, die (noch) nicht im Naturschutz aktiv sind. Ähnlich war es auch den Tätowierer*innen des Studios Nachtschatten gegangen. Als Pyttel sie für die Aktion anfragte, waren sie zunächst verhalten, dann aber mit Begeisterung dabei. „Ich hatte davor noch nie einen Vogel gestochen. Mein Schwerpunkt sind florale Motive“, berichtet Marco Ursini. Als er sich zur Vorbereitung der Aktion mit Vögeln beschäftigte, sprang der Funke über: „Es sind beeindruckende Tiere – und auch als Tattoo-Motiv bieten sie eine faszinierende Vielfalt.

Zugvögel haben seit jeher in der Seefahrer-Tattookultur eine große Bedeutung. Die Schwalbe steht unter anderem für Freiheit, Reise, Hoffnung und die sichere Rückkehr nach Hause. Die Tätowierer Yves Weber, Marco Ursini, Tammo Fleischhauer und die Tätowiererin Vanessa Rotenberger hatten für den Aktionstag Motive von Zugvögeln in ihrem jeweils eigenen Stil entworfen – neben Rauch- und Mehlschwalbe von Mauersegler, Singdrossel, Kuckuck und Weißstorch.

Josephine Späth aus Ulm war genauso wie Carlos Rothenhäusler aus Donaueschingen gekommen, um sich eine Rauchschwalbe tätowieren zu lassen. Eine Tübingerin war über einen SWR-Beitrag im Radio am Morgen auf die Aktion aufmerksam geworden und hatte sich spontan für die Teilnahme entschieden: Sie hatte schon lange mit dem Gedanken an ein Tattoo gespielt, die Aktion war nun der Auslöser.

20 Prozent der Einnahmen aus den Vogel-Tattoos gehen an den regionalen Vogelschutz am Bodensee. Argument auch für Viktoria Hildebrand aus Konstanz. Sie hatte sich auch für den Mauersegler entschieden – aber den von Tätowierer Marco Ursini. Ihre ganze Familie hat eine besondere Beziehung zu Vögeln. Nachdem sie erst vor kurzem einen gestrandeten Mauersegler gerettet und ihm mit einem Wurf aus dem achten Stock das Weiterleben ermöglicht hatte, war für sie klar: Sie möchte, dass ihr der Vogel sichtbar verbunden bleibt.

Überlegungen, wofür die Einnahmen eingesetzt werden, konkretisieren sich, wenn die Summe feststeht. In jedem Fall steht für Patrick Pyttel fest: „Wir müssen die Lebensräume am Bodensee so erhalten und entwickeln, dass sie sowohl als Brutgebiete als auch als Rast- und Nahrungsräume funktionieren.“ Dazu gehören beispielsweise intakte Feuchtgebiete und Schilfbestände, strukturreiche Kulturlandschaften und ein vielfältiges Nahrungsangebot.

In der Bildmitte steht Mann in kariertem Hemd. Er steht in einem Tattoo-Studio und ist von vorne zu sehen. Eine Frau links ist von hinten zu sehen, die dem Mann ein Mikrofon hinhält. Ein Mann rechts ist von hinten zu sehen. Er hält eine Kamera auf den Mann mit dem karierten Hemd.
Dr. Patrick Pyttel war an dem Aktionstag ein gefragter Interviewpartner. Copyright: Bodensee-Stiftung

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