Start in den Mai mit einer Einladung zum Faulenzen
Für mehr Artenvielfalt und zur Klimawandelanpassung: Projekt „Lazy Gardening“ ermuntert zum Nichtstun im Garten und gibt viele Tipps zum einfachen Umstellen der Pflege von Grünflächen – Das Projekt war für die Vergabe eines Bürgerbudgets ausgewählt worden.
Weniger tun, mehr bewirken: Die Bodensee-Stiftung ruft Radolfzellerinnen und Radolfzeller dazu auf, im Mai auf das Mähen von Rasenflächen zu verzichten. Was nach Bequemlichkeit klingt, hat messbare ökologische Effekte: „Wer den Rasenmäher stehen lässt, schützt Insekten, fördert die biologische Vielfalt und unterstützt die Anpassung an den Klimawandel“, erläutert Dr. Immanuel Schäfer, Leiter des Projekts „Lazy Gardening“, das die Radolfzeller für die Vergabe eines Bürgerbudgets ausgewählt haben.
Warum im Mai nicht mähen?
Der Mai ist ein Schlüsselmonat für viele Arten. Zahlreiche Wildbienen, Schmetterlinge und andere Insekten schlüpfen jetzt oder befinden sich in sensiblen Entwicklungsstadien. Häufiges Mähen zerstört Blüten, entzieht Nahrungsquellen und tötet Tiere direkt. Wird dagegen seltener oder zumindest nicht vollständig gemäht, entstehen blütenreiche Wiesen(-inseln), die Nektar und Pollen liefern und Lebensräume sichern. Zugleich verbessert längeres Gras die Bodenstruktur: Es beschattet den Boden, reduziert Verdunstung und hilft, Feuchtigkeit zu speichern – ein wichtiger Beitrag in Zeiten zunehmender Trockenperioden. Nicht zuletzt spart weniger Mähen Energie, reduziert Lärm und vermeidet Emissionen.

Alternativen zum Mähen: Spaziergang auf der Mettnau
„Jetzt heißt es ersteinmal: Lesen, Radfahren, sich mit Freunden treffen – es gibt viele Möglichkeiten, die Zeit zu nutzen, die bisher zum Rasenmähen nötig war“, sagt Immanuel Schäfer. Zum Beispiel bietet sich ein Spaziergang auf der Mettnau an. Hier hat das Projektteam eine Fläche, die die Stadt Radolfzell zur Verfügung gestellt hat, bearbeitet.
Auf der Referenzfläche soll sichtbar werden, wie sich die Vielfalt von Flora und Fauna entwickeln kann, wenn außen herum die Wiesen gemäht werden. Ein Teil der Wiesenfläche bleibt unbearbeitet und wird nicht gemäht werden, auf einem anderen Teil wurde die Grasnarbe entfernt und eine Blühmischung angesät. Auch sie wird nicht gemäht werden.
Austausch statt Perfektion: Gartenbesuche zum Weltbienentag
Am 20. Mai lädt das Projekt anlässlich des Weltbienentags zu Gartenbesuchen ein. Dabei geht es nicht darum, besonders beeindruckende Gärten im „Idealzustand“ zu besichtigen. „Uns ist vielmehr wichtig, dass sich die Teilnehmenden über Probleme und mögliche Lösungen austauschen und wir vor Ort Tipps beisteuern können“, erläutert Sabine Sommer von der Bodensee-Stiftung. Mit den Gartenbesuchen wird ein weiteres Ziel des Projekts angestrebt: Radolfzeller*innen aus Kernstadt und Ortsteilen gleich welchen Alters zusammenzubringen.
Mähen – aber insektenfreundlich
Wer im Juni wieder mähen möchte, sollte auf schonende Methoden setzen. Empfohlen werden schneidende statt schlagende bzw. mulchende Werkzeuge, etwa die Sense. Deshalb lädt die Bodensee-Stiftung am 13. Juni zum Sensenkurs mit einem Profi ein, der Tipps zu Technik und Sicherheit gibt. „Das Sensen ist zugegeben wenig ‚lazy‘, kann aber sehr befriedigend sein“, sagt Sabine Sommer. Die Teilnahme ist kostenlos, Material wird gestellt. Eine Anmeldung ist nötig bis 5. Juni). Unter den Teilnehmenden wird eine Sense verlost.
Mitmachen – auch ohne eigenen Garten
Bürger*innen, die selbst keine Fläche pflegen, können sich dennoch am Projekt beteiligen: Als Bürger-Wissenschaftler können sie zum Beispiel die Referenzfläche auf der Mettnau beobachten und dokumentieren, welche Entdeckungen sie gemacht haben (in der kostenlosen Smartphone-Anwendung iNaturalist dem Projekt „lazy gardening“ beitreten). Die Bodensee-Stiftung kann die erfassten Insekten und damit die Entwicklung der Fläche auswerten.
Einfache Maßnahme, große Wirkung
„Jede noch so kleine Grünfläche zählt“, ermuntert Agraringenieurin Sabine Sommer die Gärtner*innen. „Es macht einen Unterschied, ob ein kurz geschorener Rasen den Vorgarten prägt oder eine vielfältige Wiese mit Klee, Gänseblümchen und Margeriten.“ Neben dem Nahrungsangebot für Bestäuber profitieren auch bodenlebende Organismen – und damit das gesamte Ökosystem. Zwar erfordert der veränderte Anblick mancherorts ein Umdenken, doch die ökologischen Vorteile sind eindeutig.
Ein Gewinn für Radolfzell – nicht nur für Insekten
Vielen ist noch das Starkregenereignis vom August vergangenen Jahres in Erinnerung. Wer am Projekt teilnimmt, kann auch bei der Klimawandelanpassung der Stadt mithelfen und vor finanziellen Schäden schützen. Denn: Böden mit artenreichen Wiesenbeständen nehmen Wasser besser auf als Rasenflächen.
Warum ist Biodiversität wichtig? Rund ein Drittel der bewerteten Tier-, Pflanzen- und Pilzarten in Deutschland ist laut Faktencheck Artenvielfalt gefährdet, etwa drei Prozent gelten als ausgestorben. Der Verlust der biologischen Vielfalt stellt eine Bedrohung dar, die im Schatten der Klimakrise oft nicht wahrgenommen wird. Dabei sichert biologische Vielfalt wichtige Ökosystemleistungen wie Bestäubung, Reinigung von Wasser, Erhalt der Bodenfruchtbarkeit oder natürliche Schädlingskontrolle.


















































