Ohne Abgase, leise und meditativ

Wetzen und feilen sind Verben, die bekannt sind. Was aber ist unter einem Kumpf zu verstehen? Und was unterscheidet „das goldene Blatt“ auf der Wiese vom gleichnamigen Klatschmagazin im Zeitschriftenregal? Michael Roth, im deutschen Sensenverein organisierter Radolfzeller Sensenlehrer, gehen all diese Begriffe flüssig über die Lippen. Und den Teilnehmer*innen des Sensenkurses, zu dem die Bodensee-Stiftung im Rahmen des Projekts Lazy Gardening eingeladen hatte, nach wenigen Stunden auch. Nicht nur die Wörter sind ihnen schnell zur Routine geworden, sondern auch die für das Sensen erforderlichen Bewegungen. Die richtige Technik und etwas Übung erlauben es, auch große Flächen ganz ohne Motorunterstützung zu mähen – und dabei meditative Ruhe zu finden.

Der typische „Mähschwung“ und eine schonende Haltung für ermüdungsarmes Mähen, der Zusammenbau und die den jeweiligen Anforderungen angepassten Einstellungen des Sensenwurfs und schließlich auch die Pflege des Sensenblatts standen im Mittelpunkt des vierstündigen Kurses. Dass der rhythmische Sensenschwung gleichermaßen nostalgisch wie hochaktuell ist, zeigt der Hintergrund des Projekts: „Lazy Gardening“, gefördert über das Bürgerbudget der Stadt Radolfzell, ermutigt die Bürgerinnen und Bürger dazu, in ihren (Vor-)Gärten mehr Wildheit und damit mehr biologische Vielfalt zuzulassen. Das bedeutet vor allem: weniger mähen.

Ein Mann mit Strohhut steht in der rechten BIldhälfte und senst. Eine Gruppe links hinter ihm schaut ihm dabei zu.
Beim Sensenkurs der Bodensee-Stiftung vermittelte Sensenlehrer Michael Roth (mit Sense rechts) viele Tipps zur Technik – zum Beispiel, wie sich ein „Hindernis“ umsensen lässt. Copyright: Bodensee-Stiftung

Gerade der Mai spielt dabei eine entscheidende Rolle. Viele Wildbienen, Schmetterlinge und andere Insekten schlüpfen in dieser Zeit oder befinden sich in empfindlichen Entwicklungsstadien. Häufiges Mähen zerstört Blüten, entzieht Nahrungsquellen und kann Tiere direkt töten. Höheres Gras hingegen schützt den Boden vor Austrocknung, reduziert Verdunstung und verbessert die Wasserspeicherung – ein zunehmend wichtiger Effekt in Zeiten längerer Trockenperioden.

Wer artenreiche Wiesen fördern möchte, sollte daher erst zur Hochblüte der Margeriten mähen. Dann stoßen viele herkömmliche Rasenmäher jedoch an ihre Grenzen. „Um Tiere zu schonen, sollte möglichst mit schneidenden statt mit schlagenden Werkzeugen gearbeitet werden. Die Sense ist dafür ideal geeignet“, erläutert Projektleiter Dr. Immanuel Schäfer. Gleichzeitig entstehen weder Abgase noch störender Lärm. Allerdings ist es mit dem „faulen“ Gärtnern dann erstmal vorbei.

Der Sensenkurs war schnell ausgebucht. Die Teilnehmer – wesentlich mehr Sensenfrauen als -männer – lernten zum Beispiel, wie sich eine Baumscheibe (die Kreisfläche zwischen Baumstamm und Rasen) mähen lässt, ohne den Stamm zu verletzen, wie man an Zäunen entlangarbeitet, ohne sie zu beschädigen, wie sich das Sensenblatt mit Natur- oder Kunststein wetzen und mit der Feile feilen lässt und warum die ideale Blattdicke je nach Pflanzenbestand zwischen 0,1 und 0,25 Millimetern liegen kann. Nicht nur die Technik, sondern auch die Uhrzeit des Mähens beeinflusst den Erfolg: „Am besten ist es, im Morgentau oder bei Regen zu mähen, dann ist das Gras saftiger“, erläuterte Michael Roth und ergänzte: „Man merkt den Unterschied zwischen 6 und 10 Uhr.“ Im Sinne des Projekts für mehr biologische Vielfalt sollte allerdings nur ein bis zwei Mal im Jahr gemäht bzw. gesenst werden. Zu guter Letzt ermöglichte der Sensenlehrer Einblicke und Hörproben in das Dengeln – also wie mit Hammerschlägen ein verzogenes Sensenblatt wieder in Form gebracht werden kann.

Zwei Männer stehen nebeneinander und lachen in die Kamera. Einer hält in der rechten Hand eine Sense.
Sensenmann im Glück: Dr. Immanuel Schäfer, Projektleiter der Bodensee-Stiftung, überreichte Gewinner Stefan Ferger beim Sensenkurs im Rahmen des Projekts Lazy Gardening eine neue Sense. Copyright: Bodensee-Stiftung

Alle Teilnehmenden sind motiviert, ihre Kenntnisse auf den eigenen Grünflächen einzusetzen. Ganz besonders Stefan Ferger. Er gewann bei der abschließenden Verlosung der Bodensee-Stiftung eine neue Sense, die künftig bei der Pflege seiner Streuobstwiese zum Einsatz kommen soll.

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