Für mehr Biodiversität in Erwerbsobstanlagen

Der Rückgang der biologischen Vielfalt ist neben dem Klimaschutz eine unserer größten gesellschaftlichen Herausforderungen. Dabei ist auch der Rückgang der Biodiversität in der Agrarlandschaft vielfach belegt. Dies betrifft in besonderer Weise auch die biologische Vielfalt in Obstbaumkulturen. Doch auch der Erwerbsobstbau kann Maßnahmen umsetzen, die die biologische Vielfalt schützen bzw. fördern. Das Wissen darum ist vorhanden. Wie kann dieses Wissen in die Praxis übertragen werden? Auf diese Frage Antworten zu geben war Ziel des Projekts „Obstbau-Modellanlagen zur Förderung der Biologischen Vielfalt“. Obstbäuerinnen und Obstbauern sollen in ihren Bemühungen zugunsten der Biodiversität und dabei speziell der Insektenvielfalt unterstützt werden. Das Projekt wurde vom Ministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Ländlichen Raum (MLR) im Rahmen des Sonderprogramms zur Stärkung der Biologischen Vielfalt gefördert.

Auf dem Bild sind die Vertreter*innen zu sehen. Sie stehen mitten in einer Obstanlage.
Ziel von Exkursionen: Der Obsthof Romer in Litzelstetten am Bodensee steht als eine der sechs Modellanlagen als Exkursionsziel zur Verfügung. Thomas Romer gibt seine Erfahrungen mit biodiversitätsfördernden Maßnahmen an Vertreter*innen von Obstbau, Schule, Weiterbildung und Studium und Interessierte weiter. Copyright: Bodensee-Stiftung
Auf dem Bild ist eine Obstanlage dargestellt.
Vogel- und Wildbienennisthilfen wie hier in der Modellanlage Heuchlingen unterstützen die Artenvielfalt im Erwerbsobstbau. Copyright: Flächenagentur Baden-Württemberg

Zielgruppe der Schulungs- und Informationsunterlagen sind in erster Linie die Studierenden der (Fach-)Schulen für Obstbau sowie obstbauliche Beratungskräfte, die Informationen daraus ziehen und diese in ihren Beratungsalltag integrieren können. Die Schulungs- und Informationsunterlagen gliedern sich in verschiedene Module:
• Basis-Modul: Grundlegende Informationen zur Biodiversität, Beschreibung biodiversitätsfördernder Maßnahmen, weiterreichende Hintergrundinformationen zu den verschiedenen Maßnahmenbereichen
• Basis-Exkursionsangebot: Ideen für Exkursionen mit entsprechenden Tipps und Hilfsdokumenten
• Modulares Angebot: Informationen zu speziellen Themenbereichen – Blühstreifen, Strukturen, naturnahe Bewässerungsteiche und Bodennistplätze für Wildbienen

Fast jedes Modul enthält eine (PowerPoint-)Präsentation mit interaktiven Elementen, ein Lehrmodul (Vorschlag für Lehr- oder Beratungskraft für den Ablauf einer Unterrichtseinheit bzw. einer Exkursion), Aufgaben für Studierende und hilfreiche Hintergrundinformationen zu den einzelnen Themen.
Informativ ist auch ein rund zwanzigminütiges Lehrvideo, das gemeinsam mit der Landsiedlung Baden-Württemberg im Rahmen der gesamtbetrieblichen Biodiversitätsberatung gedreht wurde. Obstbauer Thomas Romer, der in Litzelstetten am Bodensee eine der sechs Modellanlagen bewirtschaftet, berichtet darin über die umgesetzten Maßnahmen in seiner Anlage und erläutert eindrücklich, warum sie aus seiner Sicht Sinn machen. Anne Föllner, Projektleiterin der Flächenagentur Baden-Württemberg, steuert ergänzende Informationen bei.

Das Bild zeigt die Monitoring Ergebnisse- sie sind in einem Säulendiagramm dargestellt.
Monitoringergebnisse über die Artenzahl der Wildbienen auf den einzelnen Modellanlagen für die Jahre 2020 bis 2023.

Bei Vögeln wurde je nach Modellfläche entweder schon im ersten oder zweiten Jahr nach Beginn der Maßnahmen ein Anstieg der Individuenzahl und Artenzahl beobachtet. Auch die Individuenzahl der beobachteten Heuschrecken ist seit Beginn der Beobachtungen in allen Modellanlagen tendenziell gestiegen. Entsprechendes gilt auch für die Anzahl der Heuschreckenarten.
Das Wildbienenmonitoring zeigte schon zwei Jahre nach Beginn der Maßnahmenumsetzung einen Anstieg der Artenzahlen sowie der Individuenzahlen. „Die insgesamt höheren Arten- und Individuenzahlen zeigen, dass das Bündel von Maßnahmen zu einer weiteren Verbesserung für die Wildbienen geführt hat“, heißt es in dem Bericht.

„Wenn man der Natur mehr Lebensraum zur Verfügung stellt, wird er angenommen“, sagt Sabine Sommer, Projektleiterin seitens der Bodensee-Stiftung. „Es hat alles sehr gefruchtet“, bestätigt Anne Föllner von der Flächenagentur Baden-Württemberg, die unter anderem einen Teil des Monitorings durchführt. Das Projekt wurde von der Flächenagentur Baden-Württemberg gemeinsam mit der Bodensee-Stiftung koordiniert, von der Landsiedlung Baden-Württemberg getragen und vom Ministerium für Ernährung, Ländlichen Raum und Verbraucherschutz gefördert.

Aus Projektsicht bedarf es noch weiterer Anstrengungen, um die Maßnahmenumsetzung in den Obstanlagen weiter voranzutreiben:
• Inwertsetzung der Biodiversitätsleistungen – fairer Lieferpreis und die finanzielle Förderung der einzelnen Maßnahmen
• Feste Integrierung des Themas Biodiversität in den Lehrplan der obstbaulichen (Fach-)Schulen
• Weitere Forschungen zu den Wirkungen der Maßnahmen und deren Verbesserung


Im Obstbau hat über viele Jahre hinweg ein Wandel vom traditionellen Hochstamm-Streuobstbau hin zum intensiv bewirtschafteten Niederstammobstanbau stattgefunden. Dies wiederum führte zunächst zu einer Reduktion landschaftlicher Strukturen sowie im weiteren Verlauf zu einer Reduktion der Sortenvielfalt, einer verstärkten Mechanisierung der Bewirtschaftung und einer Intensivierung des Pflanzenschutzes. Der Obstbau-Strukturwandel hat somit Auswirkungen auf alle drei Merkmale der Biodiversität: Lebensraumvielfalt, genetische Vielfalt und Artenvielfalt.


Von Oktober 2019 bis Dezember 2023 koordinierte die Flächenagentur Baden-Württemberg mit Unterstützung der Bodensee-Stiftung das landesweite Projekt „Obstbau-Modellanlagen zur Förderung der Biologischen Vielfalt“. Die Umsetzung erfolgte in enger fachlicher Zusammenarbeit mit der Staatlichen Lehr- und Versuchsanstalt für Wein- und Obstbau Weinsberg (LVWO), dem Kompetenzzentrum Obstbau Bodensee (KOB), dem Landwirtschaftlichen Technologiezentrum Augustenberg (LTZ), den beteiligten Obstbaubetrieben sowie der Landsiedlung Baden-Württemberg GmbH.

• Flächenagentur Baden-Württemberg GmbH
• Landsiedlung Baden-Württemberg GmbH
• Bodensee-Stiftung
• Kompetenzzentrum Obstbau Bodensee (KOB)
• Staatliche Lehr- und Versuchsanstalt für Wein- und Obstbau Weinsberg (LVWO)
• Landwirtschaftliches Technologiezentrum Augustenberg (LTZ)
• Obsthof Romer, Litzelstetten
• Obsthof Karin Scherzinger, Ittendorf

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