Lernen auf Augenhöhe

Boden-AGs stärken regenerative Landwirtschaft in der internationalen Bodenseeregion – Online-Treffen am 30. Januar für Interessierte zur Fortführung

In einem Tagungsraum stehen miteinander diskutierend zwei Gruppen jeweils um Pfosten, an denen Poster hängen.
Norbert Steidle hat auf seinem Biohof mit verschiedenen Untersaaten und Mischungen im Winderdinkel experimentiert. Seine Erfahrungen stellte er beim Abschlusstreffen der Boden-AGs in Roggwil im Thurgau vor. Copyright: Bodensee-Stiftung

„Wir haben so viel voneinander gelernt – das hätten wir nicht in einem Lehrgang lernen können“, sagt Landwirt Stefan Leichenauer über seine Teilnahme an den Boden-AGs. Über ein Jahr hinweg tauschten sich Landwirtinnen und Landwirte aus Deutschland, Österreich und der Schweiz in den grenzüberschreitenden Boden-Arbeitsgruppen zu Erhalt und Förderung von Bodenfruchtbarkeit und -gesundheit aus. Das Projekt wurde als Kleinprojekt durch Interreg Alpenrhein-Bodensee-Hochrhein gefördert. Interessierte sind zu einem Online-Infotreffen zur möglichen Fortsetzung am 30. Januar um 20 Uhr eingeladen.

Die Bodensee-Stiftung und das Regenerate Forum hatten die Boden-AGs initiiert. Ziel war es, einen praxisnahen Raum für kollegialen, vertrauensvollen Austausch zu schaffen – jenseits klassischer Fortbildungsformate. 16 Landwirt*innen nahmen teil, darunter konventionell und ökologisch wirtschaftende Betriebe mit Schwerpunkten im Acker-, Grünland-, Obst- und Gemüsebau. Die Betriebe unterschieden sich stark in Größe und Erfahrung – eine Vielfalt, die von den Teilnehmenden ausdrücklich als Stärke wahrgenommen wurde.

Blick von hinten in einen Vortragsraum. Zu sehen sind die Rücken der Zuhörenden, die auf die Referentin bzw. ihre Präsentation blicken.
Sabine Sommer, Projektleiterin bei der Bodensee-Stiftung, blickte beim Abschlusstreffen in Roggwil im Kanton Thurgau auf die Aktivitäten der Boden-AGs zurück. Copyright: Bodensee-Stiftung

Im Mittelpunkt stand die regenerative Landwirtschaft. Die Landwirt*innen lernten Grundlagen und Methoden kennen, setzten Versuche auf ihren Betrieben um und diskutierten Erfahrungen miteinander. „Regenerative Bewirtschaftung kann beispielsweise durch konstante Bodenbedeckung, die Reduzierung chemisch-synthetischer Betriebsmittel und eine schonende Bodenbearbeitung die Qualität von Humus, Wasserhaltefähigkeit und Biodiversität deutlich verbessern“, erläutert Benjamin Fäth vom Regenerate Forum, der das Projekt fachlich begleitete und die Boden-AGs moderierte.
Ergänzend organisierten Bianca Meßmer und Sabine Sommer von der Bodensee-Stiftung Veranstaltungen, die auf spezielle Bedarfe der Teilnehmenden eingingen. So berichtete etwa Buchautor Stefan Schwarzer über Wasserkreisläufe, Bianca Meßmer gab Einblicke in die Entstehung und Minderung von Lachgasemissionen bei Zwischenfrüchten.

Ein Gewinn für alle Beteiligten

Eine Gruppe von sechs Menschen steht um einen Mann, der Boden in Händen hält und vorgebeugt daran riecht.
Auch der Geruch von Boden sagt etwas über seine Qualität aus: Hans Oppikofer vom Schweizer Biohof Mausacker riecht am Boden einer seiner Streuobstwiesen. Rechts im Bild die Mitorganisatorinnen der Boden-AGs von der Bodensee-Stiftung Bianca Meßmer (braune Jacke) und Sabine Sommer (blaue Jacke). Copyright: Bodensee-Stiftung

Für die Teilnehmenden war das Projekt in mehrfacher Hinsicht ein Gewinn: durch neues Fachwissen ebenso wie durch die grenzüberschreitende Vernetzung. Stefan Leichenauer, der im Hegau einen Betrieb mit Ackerbau, Grünland und Mastbullen führt, berichtet, er sei nach jeder Veranstaltung mit „vollem Kopf“ nach Hause gekommen – und habe seine Begeisterung für Böden schon an seine Söhne weitergegeben. Lachen erntete er bei seinen Kolleg*innen mit dem Satz: „Wir haben schmutzige Nasen, wenn wir auf dem Feld sind.“ Denn zur Beurteilung des Bodenzustands gehört für die Gruppe mehr als der Blick auf die Oberfläche: Auch Geruch, Struktur und Bodenleben werden geprüft.

Vertrauensvoller Austausch – auch digital

Besonders geschätzt wurden die gegenseitigen Betriebsbesuche. Unterschiedliche Bodentypen und deren Reaktionen auf Wetterextreme kennenzulernen, empfanden die Teilnehmenden als großen Mehrwert. Über die organisierten Treffen hinaus intensivierte sich der Austausch auf digitalen Kanälen. In Messenger-Gruppen wurden Fotos geteilt, Fragen diskutiert und Erfahrungen offen besprochen. „Es ist schön zu sehen, dass wir nicht allein sind. Oft wird man ja belächelt, wenn man über ‚Dreck‘ spricht“, beschrieb Stefan Leichenauer seine Erfahrungen.

Eigene Projekte in der Praxis umgesetzt

Alle teilnehmenden Betriebe setzten im Rahmen der Boden-AGs eigene Projekte um.
Zwei Beispiele:

  • Hans Oppikofer verfolgte auf seinem Bio-Obsthof Mausacker im schweizerischen Steinebrunn das Ziel, mithilfe von Kompost die Boden-Pilzaktivität und -diversität in seinen Streuobstwiesen zu fördern. Als Ausgangsmaterial nutzte er ausschließlich hofeigene Ressourcen wie Öko-Heu, Schnittgut aus dem Obstbau und nicht vermarktbare Erntereste. Die Herausforderung lag im richtigen Mischungsverhältnis. Zu den Erfolgen zählt Oppikofer den geringen Arbeitsaufwand und die konstant hohe Temperatur der Kompostmiete.
  • Andreas Baur testete auf seinem Bio-Gemischtbetrieb in Uhldingen-Mühlhofen den Anbau von Kartoffeln unter einer Mulchschicht aus Riedgras-Silage. Ziel war, Ertrag und Qualität bei Trockenheit zu sichern, Beikräuter zu reduzieren und die mechanische Bodenbearbeitung zu verringern. Das Ergebnis: Die Wasserhaltefähigkeit während Trockenphasen verbesserte sich tatsächlich. Gleichzeitig zeigte der Versuch, dass Beikräuter auch durch kleine Lücken in der Mulchschicht wachsen können. Hier wird er künftig das Verfahren noch weiter optimieren.

Impulse von externen Expert*innen

Besonders wertvoll empfanden die Teilnehmenden den Zugang zu externen Referent*innen, mit denen sie in kleiner Runde intensiv diskutieren konnten. Auch beim Abschlusstreffen hatten die Organisator*innen für fachlichen Input gesorgt:
Sepp Braun (Bioland-Landwirt, Freising) und David Steyer (Bio-Gemüsebauer und Leiter der SoLaWi Ravensburg ) unterstrichen die Bedeutung gesunder Böden für Klimaanpassung, Resilienz und wirtschaftliche Perspektiven in der Landwirtschaft. Voraussetzung für eine breite Umsetzung regenerativer Methoden seien faire Preise, Anreizsysteme für regenerative Leistungen und Partnerschaften mit der Wirtschaft.

Wie geht es weiter mit den Boden-AGs?

Bei Teilnehmenden und im Organisationsteam besteht der Wunsch, den Austausch fortzuführen und für weitere Interessierte zu öffnen. „Ich stehe noch am Anfang dieses Weges und möchte mich weiter einarbeiten – da tut der Austausch gut“, sagt Norbert Steidle, Bio-Landwirt aus dem Deggenhausertal. Nach mehr als 30 Berufsjahren ist er überzeugt: „Man lernt nie aus.“

Interessierte Landwirt*innen sind zu einem Online-Austauschtreffen über die Fortsetzung des Angebots eingeladen.
Wann: Freitag, 30., Januar, 20 Uhr.
Anmeldung: bei Benjamin Fäth per E-Mail: benjamin.faeth@regenerateforum.org

Eine Gruppe von Menschen steht hinter einer Kompostmiete, die im Vordergrund zu sehen ist.
Hans Oppikofer hat auf seinem Biohof Mausacker im schweizerischen Steinebunn die Kompostherstellung umgestellt, um die Boden-Pilzaktivität und -diversität in seinen Streuobstwiesen zu fördern. Wie, das stellte er seinen Kolleg*innen beim Abschlusstreffen der Boden-AGs vor. Copyright: Bodensee-Stiftung

Wie groß das Interesse am persönlichen Austausch ist, zeigte die Einladung von Hans Oppikofer auf seinen Biohof Mausacker: Fast alle Teilnehmenden der Abschlussveranstaltung nutzten die Gelegenheit, seine Kompostierungsversuche vor Ort zu begutachten – und beim anschließenden Besuch seiner Beiz zu diskutieren.