Offener Brief an den Südkurier zum Kommentar „Der Feldzug“

Offener Brief an Alexander Michel

Sehr geehrter Herr Michel,

Ihr Kommentar „Der Feldzug“ zur Dieselkrise darf wohl zurecht als Fehlzündung bewertet werden. Nur zwei Dinge wurden der geneigten Leserin oder dem geneigten Leser klar. Sie halten nichts von der Deutschen Umwelthilfe (DUH) und noch weniger von Jürgen Resch, einem ihrer beiden Bundesgeschäftsführer. Das ist erlaubt, gerade in einem Kommentar. Auch ich sehe in Jürgen Resch eher den entschlossenen Kämpfer mit dem Säbel und nicht den, der feine Nadelstiche mit dem Florett verteilt. Na und? Nur so ist im letzten Viertel Jahrhundert das Benzin sauberer geworden, nur so haben die Autos Dieselrußfilter erhalten und nur deshalb gibt es noch Mehrwegflaschen in Deutschland. Die DUH setzt sich, zugespitzt auf einzelne Themen, kompromisslos für Luftreinhaltung und Umweltschutz ein. Und das ist auch gut so, denn nur deshalb ist sie gegen so mächtige und teilweise kriminell agierende Gegner erfolgreich.

Man darf die Erhaltung deutscher Automobilarbeitsplätze wichtiger finden als die Reinhaltung unserer Luft. Man kann als Zeitung die wirtschaftliche Bedeutung von Anzeigen der Autoindustrie und des Autohandels höher bewerten als die Einnahmen durch Abonnenten, die an Durchgangsstraßen wohnen. Man kann mit gutem Recht behaupten, dass es größere Umweltthemen gibt als den Schadstoffausstoß des Verkehrs. Und jeder Kommentator in Deutschland kann die Strategie der DUH, die sich dem Verkehrsthema seit Anfang der neunziger Jahre widmet, kritisch beleuchten.

Aber Sie haben in Ihrer Philippika nicht ein Argument vorgebracht. Die Wahl Ihrer Adjektive ist tendenziös und abwertend. Hat die DUH nur deshalb nicht recht, weil sie klein ist und weil die Autounternehmen Milliardengewinne einfahren? Vielleicht hat sie weniger Mitglieder als ein Kleingärtnerverein, aber sie hat fast hundert engagierte Mitarbeitende, die sich jeden Tag für den Natur- und Umweltschutz einsetzen. Ist die Deutsche Umwelthilfe ein klagewütiger Abmahnverein, wenn sie Ihre Rechte als staatlich anerkannter Verbraucherschutzverband wahrnimmt und weit mehr als 95 Prozent der Verfahren gewinnt? Warum verschweigen Sie, dass alle Umweltverbände, die sich mit dem Thema beschäftigen, gleiche Positionen wie die DUH vertreten? Wieso erwähnen Sie nicht, dass jährlich tausende Menschen wegen dieser Luftschadstoffe erkranken oder sogar sterben?

Ist die DUH der Autoindustrie moralisch oder intellektuell unterlegen, weil die Herren, die im Gefängnis sitzen oder Milliardenstrafen zahlen müssen, häufig einen Doktortitel erworben haben, während Jürgen Resch sich seit früher Jugend für den Natur- und Umweltschutz eingesetzt hat und lieber im Eriskircher Ried Vögel beobachtete, statt an der Uni Vorlesungen zu besuchen? Und als Journalist wissen Sie genau, dass viele Akteure, die bundesweit wahrgenommen werden, sich nicht selbst als Ein-Mann-Show inszenieren, sondern dass die Medien diese Gesichter brauchen und hervorheben, um Botschaften verständlich und erfolgreich zu kommunizieren.

Warum schreibe ich Ihnen als Präsident der Bodensee-Stiftung, deren Gründerin neben BUND und NABU die Deutsche Umwelthilfe ist, diesen offenen Brief, obwohl Ihre journalistische Relevanz für die deutsche Medienlandschaft kaum wahrnehmbar ist? Parteien wie die AfD oder die FDP, einschlägig bekannte Agenturen, bezahlte Blogschreiber im Internet und internationale Anwaltskanzleien versuchen seit Jahren, die Deutsche Umwelthilfe und auch Jürgen Resch persönlich institutionell, rechtlich, kommunikativ und finanziell auszuschalten. Auf Ihren Kommentar reagiere ich, weil Sie für unsere Heimatzeitung schreiben, weil Sie die Akteure persönlich kennen und über die hunderte anderen Projekte der DUH, die leider weniger Medienaufmerksamkeit erfahren, Bescheid wissen. Und ich schreibe Ihnen, weil mich in den letzten Tagen zig Leute angesprochen haben, Freunde, Nachbarn und Bekannte auf dem Wochenmarkt, die Ihren Kommentar ebenso unsäglich finden wie ich.

Mit freundlichen Grüßen

Jörg Dürr-Pucher

Präsident Bodensee-Stiftung