Klimaschutz und Klimaanpassung in der Landwirtschaft stärken

Politik muss Lehren aus Wetter der vergangenen Jahre ziehen und Systemwechsel wagen

Die Bodensee-Stiftung fordert angesichts der Veröffentlichung der Weltorganisation für Meteorologie (WMO) zu Rekordwerten von Treibhausgasen in der Atmosphäre einen Systemwechsel in der Landwirtschaft hin zu mehr Klimaschutz und Klimaanpassung. Landwirte benötigen eine Beratung hin zu nachhaltigen Anpassungsstrategien an den Klimawandel und gleichzeitig zur Reduktion ihrer Treibhausgas(THG)-Emissionen und eine Unterstützung bei der Umsetzung. Dazu hat die Bodensee-Stiftung in den EU-geförderten Projekten LIFE AgriClimateChange und LIFE AgriAdapt Werkzeuge entwickelt, die im Partnerland Frankreich bereits Standard sind.

Die WMO meldete in ihrer Pressemitteilung vom 20. November ein neues Rekordhoch der Werte für wärmespeichernde Treibhausgase in der Atmosphäre. „Ohne eine schnelle Verringerung von CO2 und anderen Treibhausgasen wird der Klimawandel immer zerstörerischere und irreversible Auswirkungen auf das Leben auf der Erde haben. Das Fenster der Handlungsmöglichkeiten ist fast geschlossen“, sagte WMO-Generalsekretär Petteri Taalas. Spätfröste, Starkniederschläge sowie langanhaltende Regen-, Hitze- und Dürreperioden führen zu erheblichen und teilweise existenzgefährdenden Ertrags- und Qualitätseinbußen in der Landwirtschaft. In diesem Jahr waren laut Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft 10 000 Betriebe durch Trockenheit und Hitze existenzgefährdend getroffen.

Die Landwirtschaft ist in ihrem eigenen Interesse gut beraten, jetzt umzusteuern hin zu einer nachhaltigen Wirtschaftsweise, die Energieverbrauch und Produktion von THG-Emission massiv reduziert. Gleichzeitig sind nachhaltige Anpassungsmaßnahmen nötig, um die Ernten zu sichern. Der Klimaschutzbericht 2018 zeigt, dass Deutschland mit seinen gegenwärtigen Anstrengungen seine Klimaziele verfehlen wird. Der Agrar- und Ernährungssektor ist verantwortlich für fast 20 % der gesamten Emissionen, wenn man alles – von der Futterproduktion in Übersee bis zu den Kühltheken des Lebensmittelhandels – einberechnet (BÖLW 2018). 2016 verursachte allein die Landwirtschaft fast 60 % der Methan- und 80 % der Lachgasemissionen.

Das Wissen ist vorhanden, jetzt müssten die Weichen gestellt werden
Maßnahmen, wie der Anbau von Zwischenfrüchten, vielseitigen Fruchtfolgen und einer Bodenbedeckung durch z.B. Mulchmaterial, helfen die Bodenfruchtbarkeit zu Erhöhen und den Boden vor Erosion zu schützen. Dadurch ist der Boden in der Lage, schneller und mehr Wasser aufzunehmen und länger zu speichern – eine dringend benötigte Eigenschaft bei zunehmend auftretenden Starkniederfällen und Trockenperioden. Der Aufbau von Bodenfruchtbarkeit spart zudem den Einsatz externer, energieintensiv hergestellter Düngemittel und verringert die klimaschädlichen Lachgasemissionen. Ein weites Sortenspektrum sowohl bei der Auswahl der Grasmischung im Grünland als auch bei Ackerfrüchten streut zudem das Risiko der Ertragseinbußen.

Für solche Maßnahmen müssen Landwirte mitunter zusätzliches Saatgut kaufen, niedrigere Erträge akzeptieren und den Mut aufbringen, aus einem seit Jahrzehnten propagierten und optimierten System aus Dünger- und Spritzmitteleinsatz auszubrechen, das auf maximale Höchsterträge ausgelegt ist. Der Schritt weg vom System der Mittel-intensiven Höchsterträge, hin zu langjährig stabil hohen Erträgen, das besser Wetterwidrigkeiten trotz und weniger Treibhausgase emittiert, muss durch Beratung und Anreize begleitet werden. Dazu wird aktuell in Fachkreisen diskutiert, inwieweit Förderungen aber auch Steuern auf Düngemittel und Emissionen Steuerungsinstrumente sein können. Die Landwirtschaft hat ein hohes Potenzial, Soziale und Umwelttechnische Leistungen zu erbringen, wie Wasser-, Boden-, Luft- und Artenschutz. Sie brauchen dazu das Votum der Verbraucher durch bewusste Kaufentscheidungen, aber auch und vor allem Vorgaben und Unterstützung durch die Politik.

Dass stabil hohe Erträge ohne chemisch-synthetische Pestizide und leichtlösliche Stickstoffdünger möglich sind, zeigen in Deutschland 30.000 Bio-Betriebe auf über 1,3 Mio ha Acker-, Grünland- und Dauerkultur-Flächen. Und auch hier sind weitere Maßnahmen zu Klimaschutz und Anpassung an den Klimawandel erforderlich.

Werkzeuge zu Klimaschutz und Klimaanpassung europaweit im Einsatz
Seit 2016 koordiniert die Bodensee-Stiftung das EU-Projekt LIFE AgriAdapt. Mit einem neu entwickelten Klimawandel-Check werden auf 120 landwirtschaftlichen Pilotbetrieben in den vier EU-Klimarisiko Regionen die einzelbetriebliche Anfälligkeit gegenüber dem Klimawandel analysiert und Maßnahmenpläne für eine nachhaltige Anpassung erarbeitet. Durchgeführt wird das Projekt gemeinsam mit Partnern in Estland, Spanien und Frankreich.

Von 2010 bis 2013 hat die Bodensee-Stiftung in dem EU-Projekt LIFE AgriClimateChange gemeinsam mit internationalen Partnern ein Analyseinstrument zur Bewertung des Energieverbrauchs und der THG-Emissionen von landwirtschaftlichen Betrieben erarbeitet, um die Klimawirkung zu bewerten. Ziel des Projektes in Deutschland, Frankreich, Italien und Spanien war es, Landwirte für den Klimaschutz zu sensibilisieren und mit ihnen Klimaschutz-Maßnahmenpläne umzusetzen. Die Einspareffekte lagen bei ca. 10 – 40 Prozent. Das Projekt bekam 2015 den “Best of the Best” LIFE Environment Projects Award verliehen und den „EU Web Award“ von EURid. 2016 wurde LIFE AgriClimateChange mit dem Green Award von der EU-Kommission als eines der besten LIFE-Projekte der letzten 25 Jahre ausgezeichnet. Mittlerweile hat die Bodensee-Stiftung weit über 100 landwirtschaftliche Betriebe in Deutschland, Österreich und der Schweiz analysiert und beraten.

Das Projekt LIFE AgriAdapt wird gefördert durch das Programm EU LIFE sowie durch das Ministerium für ländlichen Raum und Verbraucherschutz in Baden-Württemberg, die Landwirtschaftliche Rentenbank in Frankfurt, den Landkreis Bodenseekreis und die Molkerei OMIRA.