Es geht um mehr als nur um Honig!

http://media.schweizerbauer.ch/images/85944_film_more_than_honey.jpgAktuell sorgt der Film „More than honey“ des Schweizer Filmemachers Markus Imhoof für Furore in den Kinos. Mit spektakulären Bildern schildert er die faszinierende Welt der Honig­bienen. Dem gegenüber stellt der Regisseur die akute Bedrohung der Bienen durch industri­elle Haltungsformen sowie Belastungen durch Pestizide und Antibiotika. Imhoof macht in seinem Film am Beispiel der Honigbienen deutlich, wie bedrohlich es für den Menschen werden kann, wenn die biologische Vielfalt und die Leistungen der Natur nicht geschützt und nicht nachhaltig genutzt werden.

„Unseren Verhältnissen am Bodensee und generell in Mitteleuropa wird der Film nicht immer gerecht.“, sagt Patrick Trötschler von der Bodensee-Stiftung. Er leitet das Netzwerk Blühender Bodensee, das sich für eine arten- und blütenreiche Landschaft einsetzt. „Das grundlegende Problem bei uns ist nicht die Bienenhaltung, sondern vor allem die schwierige Nahrungssituation im Sommer – nicht nur für die Honigbienen sondern für alle bestäuben­den Insekten wie Wildbienen, Hummeln oder Schmetterlinge. Und es fehlt oft an geeigneten Lebensräumen für die zum Teil hochspezialisierten Insekten“, so der Naturschützer.

Wo Anfang des 20. Jahrhunderts noch großflächig Streuobstwiesen das Landschaftsbild prägten, werden die Flächen heute meist intensiv genutzt. Artenreiche Lebensräume werden zurückgedrängt. Flächenverbrauch und intensive Landwirtschaft lassen den Pflan­zen kaum mehr Platz und Zeit zum Blühen. Vor allem in den Sommermonaten bricht das Nahrungsangebot für die Blütenbesucher regelrecht zusammen. Die Landschaft ist grün, aber viel zu wenig bunt.

Insektenbestäubung: 2,5 Milliarden für die Landwirtschaft, unbezahlbar für die Natur

Der Rückgang der bestäubenden Insekten ist eine der Hauptbedrohungen für den Erhalt der biologischen Vielfalt. Über 80% unserer heimischen Wildpflanzen können ohne bestäu­bende Insekten keine Samen bilden und sind dann in ihrem Fortbestand stark bedroht. Zudem sind die Insekten ein wichtiges Glied in der Nahrungskette. Dabei sind die Insekten nicht nur ökologisch wertvoll sondern haben auch eine enorme wirtschaftliche Bedeutung. Honigbienen sind aufgrund ihrer Bestäubungsleistung in Deutschland die drittwichtigsten Nutztiere nach Rindern und Schweinen. Allein in Deutschland erbringen sie jährlich rund 2,5 Milliarden Euro an Mehrerträgen für die Landwirtschaft. Insgesamt sind über 80% der hei­mischen Kulturpflanzen auf die Bestäubung durch Honig- und Wildbienen angewiesen. 35% der weltweiten Nahrungsmittelproduktion hängen von der Insektenbestäubung ab.

Deshalb wurde 2009 das Netzwerk Blühender Bodensee gegründet. Das Netzwerk ist eine regionale Plattform für Landwirte, Erzeugerzusammenschlüsse und Regionalmarken, Land­kreise und Kommunen, Unternehmen, Naturschützer und Imker. Ziel ist eine arten- und blü­tenreichere Bodenseelandschaft. Mittlerweile zählt das Netzwerk 42 Mitglieder. Die Netz­werk-Mitglieder und weitere Akteure konnten seit 2009 auf rund 190 Hektar bienen- und insektenfreundliche Maßnahmen durchführen. Zudem können Interessierte die attraktive Wanderausstellung kostenlos anfordern und im Internet unter www.bluehender-bodensee.net die informativen Broschüren downloaden.


Obstbauern machen Naturschutz mit wirtschaftlichem Nutzen

Als besonders aktive Partner treten mittlerweile die Obstbauern am Bodensee im Netzwerk auf. Am Bodensee startete eine Zusammenarbeit zwischen Handel, Obstbau, Naturschutz und Imkerei, die mittlerweile auf weitere Anbaugebiete in Deutschland und Österreich aus­geweitet werden konnte.

Der Schwerpunkt der Maßnahmen liegt darauf, das Nahrungsangebot für Blüten besuchen­de Insekten zu verbessern. Auch neue Lebensräume sollen geschaffen und damit insge­samt die biologische Vielfalt erhalten werden. Aus Sicht der Obstbauern ist das auch aktives Bestäubungsmanagement, schließlich sind sie auf eine hohe Bestäubungsqualität in ihren Obstkulturen angewiesen. „Naturschutz kann auch einen wirtschaftlichen Nutzen haben. Gerade im Obstbau braucht es die bestäubenden Insekten für eine marktfähige Produktqua­lität. Mit den Maßnahmen für die Blütenbesucher leisten die Obstbauern einen wertvollen Beitrag zum Erhalt der biologischen Vielfalt und sichern gleichzeitig langfristig ihre Wirt­schaftsgrundlage, so Patrick Trötschler, der das Projekt von Seiten des Naturschutzes begleitet.

Wichtig ist den Naturschützern auch, dass sich der Tafelobstbau noch stärker in Sachen Nachhaltigkeit engagiert. Deshalb nehmen seit letztem Herbst ausgewählte Obstbaube­triebe am EU-LIFE-Projekt „AgriClimateChange - Mehr Klimaschutz in der Landwirtschaft“ der Bodensee-Stiftung teil, bei dem es darum geht, die einzelbetriebliche Klimaschutzbilanz zu verbessern.

Auszeichnung mit dem PRO PLANET-Label

Der Impuls zum gemeinsamen Blüh-Projekt kam von der REWE Group. Im Zuge der Um­setzung der konzerneigenen Nachhaltigkeitsstrategie wird das Sortiment des Handels- und Touristikkonzerns nachhaltiger gestaltet. Das Unternehmen möchte mit der Vergabe des PRO PLANET-Labels dazu beitragen, dass die Artenvielfalt in den Anbaugebieten erhalten bleibt. "Ein maßgebliches Ziel unserer Nachhaltigkeitsstrategie ist es, den nachhaltigeren Konsum in der Breite zu fördern und Produkte mit nachhaltigem Mehrwert zu attraktiven Preisen anzubieten. In diesem Zusammenhang sehen wir in der Auseinandersetzung mit dem Thema Biodiversität eine große Chance, neue Produkt- und Projektideen zu ent­wickeln", so Dr. Josef Lüneburg-Wolthaus von der strategischen Qualitätssicherung bei der REWE Group.

Weiterhin erklärt Dr. Lüneburg-Wolthaus, wie die Naturschutzleistungen der Obstbauern den Kunden vermittelt werden: „Die Äpfel tragen das PRO PLANET-Label, mit dem wir unseren Kunden eine Orientierungshilfe für nachhaltigere Produkte geben. Mittlerweile tragen schon über 250 Artikel das Label. Die REWE Group kommt damit dem Ziel, nach­haltigere Produkte für den Massenmarkt zu entwickeln, kontinuierlich näher. Äpfel haben im deutschen Lebensmittelhandel traditionell ein hohes Umsatzvolumen. Entsprechend bewir­ken viele kleine Schritte in der Produktion von PRO PLANET-Äpfeln in der Summe große Effekte für Umwelt und Natur.“

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