Alles außer Hochdeutsch...

Echt alles? Nach dem Besuch des Nachhaltigkeitskongresses, der gestern in Esslingen am Neckar stattfand, bin ich da nicht mehr so sicher: Dass Baden-Württemberg Nachhaltigkeit kann, möchte ich zumindest anzweifeln... Der Kongress fand zum dritten mal statt (2007 war der erste) und ist Teil der Nachhaltigkeitsstrategie Baden-Württemberg.

Die Strategie funktioniert so, dass man zum Beginn des "Strategieprozesses" eine Reihe von Zielen ausgearbeitet hat. Das hört sich im Bereich Energie und Klima dann beispielsweise so an: 

"Der Klimawandel geht uns alle an. Viele miteinander verknüpfte Ziele zu Versorgung, Verbrauch und Effizienz von Energie leisten einen Beitrag zum Klimaschutz. Dazu gehört für uns:

  • Klimaschutzziele setzen
  • Hohe Effizienz bei Verbrauch und Erzeugung sichern
  • Breiten Energiemix gewährleisten
  • Erfolgreiche Klimaschutzpolitik gestalten"

So weit - so gut. Naja, außer meiner Sicht nicht wirklich gut, da mir das doch ein wenig zu sehr Gemeinplätze beschwört: Sowas wie "Erfolgreiche Klimaschutzpolitik gestalten" ist zum Beispiel doch etwas sehr inhaltsleer und insgesamt sagt das alles garnichts über die Ausgestaltung der Landespolitik: Es verpflichtet zu nichts und am Ende kann man vielleicht sogar noch den Bau von Kohlekraftwerken "schöndiskutieren" - von der Haltung zu AKWs mal ganz zu schweigen...

Aber trotzdem, das schlucke ich ja alles noch: Solche langfristigen Visionen sind notorisch vage und am Ende hängt viel davon ab, wie der Prozess weiter gestaltet ist. Im Fall der Nachhaltigkeitsstrategie Baden-Württemberg wird es nämlich genau dort haarig: Wo sind - im Rahmen der Nachhaltigkeitsstrategie - die messbaren Ziele mit Zeitvorgaben? Wo ist der Prozess, der die Erreichung dieser messbaren Ziele dann steuert? Wo ist die Überprüfung, ob man diesen Zielen nähergekommen ist? Wo ist der Prozess der Fortschreibung der Gesamtstrategie? Stattdessen werden Projekte angestoßen. Der Prozess der Entwicklung und Auswahl dieser Projekte ist dabei alles andere als transparent. Von 28 Projekten, die im Rahmen der Strategie angestoßen und durchgeführt wurden / werden war gestern die Rede.

Auf einer Messe, die den Kongress begleitete, konnte man sich über einige davon informieren. Und tatsächlich wurden im Foyer tolle Projekte ausgestellt: Da gab es ein Projekt zum Thema Umweltmanagement in Privathaushalten, Projekte zum Thema barrierefreie Kommune, Energiegespräche in Kommunen und vieles mehr. Sehr viele der Projekte wurden / werden auf ehrenamtlicher Basis durchgeführt. Nicht alle Projekte die sich präsentierten würde ich im unmittelbaren Feld von Nachhaltigkeit sehen - aber immerhin ist gerade Fußballweltmeisterschaft, da musste man auch Projekte präsentieren, die was mit Fußball zu tun haben und wenn man lange genug drüber nachdenkt, landet man am Ende ja schon immer irgendwie bei Nachhaltigkeit... manchmals musste ich aber schon wirklich lange nachdenken - und ich sehe "Nachhaltigkeit" nun wirklich überall als Thema... Lustig fand ich übrigens, dass die Stad Ludwigsburg sich präsentierte: Man sieht die smarten Ludwigsburger mittlerweile - mit Recht - auf allen möglichen Veranstaltungen, weil sie es geschafft haben, einen Prozess anzustoßen, der Nachhaltigkeit in der Stadt verankert. Sie präsentieren dort im Prinzip das, was im Projekt Managing Urban Europe erarbeitet wurde. Leider wird CHAMP - das Nachfolgeprojekt - allerdings nicht vom Land Baden-Württemberg unterstützt (die Ludwigsburger lädt man trotzdem gerne ein, damit sie zeigen, was sie gemacht haben und ist auch stolz auf sie).

Der Kongress selbst wurde von einer Dame von N24 moderiert. Auf der Bühne wechselten sich Politiker und Vertreter der Projekte der Nachhaltigkeitsstrategie ab. Es gab immer eine kurze Projektvorstellung und sehr kurze Debatten: Für mehr als einen Satz von jedem auf dem Podium war selten Zeit und das ganze driftete zu sehr ab in Richtung "Ehrenamt": Natürlich ist eine aktive Zivilgesellschaft wichtig und das Ehrenamt ist ein Ausdruck davon. Aber das ganze sollte doch ein Nachhaltigkeitskongress sein und die drängenden Probleme unserer Zeit in Sachen Nachhaltigkeit kamen nicht zur Sprache bzw. eine Debatte über eine strukturierte und zielführende Lösungsansätze wurde nicht geführt. Wo wir bei Debatte sind: Es ärgert mich immer, wenn Veranstaltungen sich als dialogorientiert präsentieren - ohne es zu sein. In der Darstellung auf der Website des Landes ist da die Rede von "moderierten Tischdiskussionen" und davon, was die Teilnehmer alles diskutierten... Also bei aller Liebe: das war keine Veranstaltung, die auf Dikussion ausgerichtet war! Und für die erwähnten Tischdiskussionen waren im Programm 15 (!) Minuten vorgesehen. Auf der Messe habe ich allerdings einige interessante Gespräche geführt.

Insgesamt habe ich im Nachhinein das Gefühl, an einer Imageveranstaltung für die Landespolitik teilgenommen zu haben, die versucht der bestehenden Politik ein Nachhaltigkeitsmäntelchen umzuhängen.

Das alles ist sehr schade, denn: Das die Menschen in Baden-Württemberg Nachhaltigkeit können, das glaube ich schon. Immerhin erleben wir in der Bodensee-Stiftung andauernd, wieviele engagierte Menschen mit guten Ideen es in Baden-Württemberg gibt. Viele von denen können übrigens auch Hochdeutsch...

Dass das Land Nachhaltigkeit kann, da habe ich allerdings meine Zweifel... aber vielleicht wollen "die da oben" auch einfach nicht....

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