Ausstellungsbesuch in Konstanz

Abfall: Unbeliebt, ekelig, gesundheits-gefährdend aber in heutigen Zeiten hin und wieder auch Ressource. Im Falle atomaren Abfalls - besonders wenn es sich um abgebrannte Brennelemente aus Atommeilern handelt - ist Abfall einfach nur tödlich, und das für lange, lange Zeit: Wir reden hier von geologischen Zeitspannen! Die Frage ist also: Wohin mit dem Dreck? Eine Frage, die wohl auch der hitzigste Atomstromverfechter - zynischerweise - mit "Nur nicht bei mir!" beantworten wird. Zumindest in Deutschland... Die vorgesehene Lösung in Deutschland ist die Endlagerung. Und genau diesem Thema widmet sich eine mobile Ausstellung des Bundesamts für Strahlenschutz, die heute noch auf dem Münsterplatz in Konstanz zu sehen ist.

In zwei Containern können sich die Besucher über Radioaktivität, Castor und Co, mögliche (oder besser: "diskutierte") Endlagerstellen etc. informieren. Mitarbeiter des BfS begleiten die Ausstellung und stehen auch tatsächlich Rede und Antwort, wenn man Fragen hat. Ich habe mir die Ausstellung angeschaut und mich auch länger mit einem der BfS-Mitarbeiter unterhalten.

Die Ausstellung ist in zwei gelben Containern untergebracht und auf jeden Fall gut gemacht, was die Präsentation angeht: Zumindest wurde kein multimedialer Aufwand gescheut, um die Besucher mit Touchscreens, kleinen Filmchen und einer Menge Bildern zu informieren. Sehr tief geht es dabei allerdings nicht: man kann eine Messonde vor "Mansfelder Kupferschlacke" hin un her bewegen, erfährt in einem Trickfilm, was Radioaktivität ist und warum sie schädlich ist für Menschen, erfährt wie die verschiedenen geologischen Formationen, die für die Endlagerung in Betracht kommen, entstanden sind (kurz hüpft dabei sogar ein Tyrannosaurus Rex über den Bildschirm), erfährt wie ein Castorbehälter aufgebaut ist und noch einges mehr. Die Ausstellung richtet sich ganz klar an Menschen, die mit dem Thema bisher völlig unvertraut sind bzw. an die jüngeren Mitbürger.

Zu bemerken ist das Bestreben der Ausstellungsmacher, die Ausstellung sachlich zu halten: Die Proteste der Menschen in Gorleben und andernorts werden erwähnt aber im wesentlichen liegt der Schwerpunkt auf der technischen Realisierbarkeit und erfolgten Risikoabschätzung der untersuchten Standorte für eine Endlagerung. Und das ist die Stelle, an der die Ausstellung kontrovers wird: Man kann ihr vorwerfen, dass sie die Folgen und Risiken einer Endlagerung, bzw. der momentan diskutierten Endlagerstätten verharmlost. Ich selbst bin da hin und her gerissen: Die Risiken, wie die Kontamination des Grundwassers, werden nicht verleugnet und auch benannt, aber die Risiken werden prinzipiell als händelbar dargestellt. Im persönlichen Gespräch sagte mir der Mitarbeiter des BfS, dass die Ausstellung die Intention hätte, die Menschen zu informieren und damit eine Meinungsbildung zu befördern, und dass man sich eine ergebnissoffene Suche nach der besten Endlagerstätte wünschen würde, was aber bisher an der Politik gescheitert sei.

Eigentlich interessanter als die Ausstellung fand ich das "Meinungsbuch", in das sich Besucher eintragen konnten. In dem Buch war es mit der Sachlichkeit auch schnell zu Ende: Denn die Ausstellung wurde von vielen Menschen offenbar durchaus als Rechtfertigung von Atomkraft und den jetzt schon angedachten Endlagerstätten gesehen - entsprechend empörte Kommentare waren in dem Buch zu finden.

Diese unterschieden sich hinsichtlich Qualität und Impetus: Der ein oder andere Atomkraftbefürworter fand sich neben empörten "Abschalten jetzt" Positionen, das ganze durchmischt mit Kommentaren pubertierender Jugendlicher und irgendwelchen Eso-Kommentaren, die die Zivilisation an sich in Bausch und Bogen verdammten.

Offenbar kann man das Thema garnicht sachlich darstellen. Was mir an der Ausstellung am meisten fehlte war der gesellschaftliche Aspekt der Angelegenheit und eine echte Auseinandersetzung mit den Kritikern und Befürwortern der Endlagerung an den einzelnen potentiellen Endlagerstellen.

Ist die Ausstellung empfehlenswert? Ja, wenn sich die Gelegenheit ergibt schon. Ansonsten kann man sich die Sache aber auch im Internet anschauen.

Ärgerlich war, dass wir von der Sache erst in letzter Minute erfahren haben und dass man sich entschlossen hat, die Container auf den Münsterplatz zu stellen, wo wenig Publikumsverkehr zu erwarten war...

 

Comments

Lieber Sven,

Du hast die Ausstellung sehr gut beobachtet und kommentiert! Gerade der Zwiespalt sachliche Information - kritikloser Umgang mit hochradioaktivem Atommüll hat es mir schwer gemacht, das Ganze in Worte zu fassen. Dieses vermittelte Gefühl "Wir können das schon händeln" macht mich so wütend. Die sind selber  unsicher, was das Problelm betrifft und tun so als hätten sie es im Griff. Wären die WAA-Proteste oder Anti-Atomkraft-Demos dokumentiert worden, wäre die Ausstellung glaubwürdiger, denn die Angst vor Radioaktivität ist real - auch bei den Ausstellern - und wurde völlig unter den Teppich gekehrt.

Liebe Grüße,

Christine

In der Frankfurter Rundschau vom 8. August liest man, der Salzstock Gorleben sei in den 1970er Jahren vorrangig aus politischen Gründen - und weniger weil er ein geologisch geeigneter Standort ist - als Atommüllendlager ausgewählt worden. Was niemanden verwundern dürfte, wenn man sich den Standort an der Grenze zur Ex-DDR anschaut. Eines jedoch beweist es: Dass sich auch die Experten der sicheren Endlagerung niemals sicher waren und sind. Weshalb bauen Atom-Länder wie Frankreich und die Schweiz sonst ihre Meiler an die Grenzen ihrer Gebiete?

Hallo Sybille!

Schön zu sehen, dass Du unserem Blog folgst, bzw. hin und wieder unsere elektronische Heimat besuchst. Natürlich hast Du Recht, was die Sicherheit angeht und das ist ja auch das Argument der Atomkraftgegner: Angesichts der Tatsache, dass wir es bei der Atomkraft mit Weltuntergangsszenarien zu tun haben, ist eine auch noch so kleine Sicherheitslücke nicht tragbar.Spieltheoretisch gesprochen bin ich wohl kein "Risktaker".

Vor diesem Hintergrund ist es natürlich sehr gut verständlich, weshalb man solch ein AKW an die Grenze baut.  Wir haben das ja auch getan: Ich komme aus Lingen and er Ems. Eine Stadt mit sogar zwei AKWs, eines davon mittlerweile abgeschaltet. Und natürlich ist die Grenze nur 20km entfernt. Das ist die eigene Risikominimierung. Rationalität macht es dabei natürlich nicht besser: Ich halte es für moralisch auch nicht für vertretbar, wenn man auf diese Weise anderen Menschen das Risiko aufzwingt.

Ob man damit unterstellen kann, dass die Betreiber die Technologie ebenfalls für "nicht kontrollierbar" halten, weiß ich nicht...

Im Zusammenhang mit der Ausstellung finde ich es spannender zu sehen, was passiert, wenn es wirklich einmal dazu kommt, dass in einem ergebnisoffenen Verfahren der beste Endlagerstandort für den Müll gefunden wurde. Werden Umwelt- und Naturschutzverbände dann für diese Lösung eintreten? Denn sicher im Sinne von "auf alle Ewigkeit" gibt es auch hier nicht... da wird immer der "philosophische Rest" von Ungewissheit sein, der wichtig wird, wenn es um das Schicksal ganzer Landstriche geht... Und wie werden die Menschen vor Ort das sehen?

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