... and Justice for all!

Nein: In diesem Beitrag wird es nicht um das gleichnamige Album von Metallica gehen. Hier soll es um nicht weniger als „Gerechtigkeit“ gehen! Am 31. März und 1. April fand in Frankfurt ein von der Deutschen Umwelthilfe organisierter Kongress zum Thema kommunaler Handlungsmöglichkeiten im Bereich Umweltgerechtigkeit statt, an dem ich teilnehmen durfte. Ich musste zwar um 4 Uhr morgens in den Zug steigen, um rechtzeitig in Frankfurt zu sein, durfte dafür aber eine Veranstaltung besuchen, die sehr stimulierend war.

Philosophen denken bekanntlich in Begriffen, Umweltschützer offenbar in Projekten: Im Wesentlichen wurden auf der Tagung jede Menge Projekte vorgestellt, die auf die eine oder andere Weise das Thema berührten. Die Bandbreite der Projekte reichte von Projekten zur Verkehrsplanung über Projekte zu Stadtteilaufwertung bis hin zu Projekten wie interkulturellen Gärten und Energieberatung für Hartz IV-Empfänger. Insgesamt war es ein bunter Strauß von Ideen. Daneben gab es ein paar wenige, einleitende Vorträge, die einen breiteren Themenbereich abdeckten… Leider ging dabei manchmal der Bezug zum Thema ((Umwelt)Gerechtigkeit, kommunale Handlungsmöglichkeiten) ein wenig verloren, der in den etwas kurzen Debatten dann aber meistens wieder hergestellt wurde. Was habe ich mitgenommen von der Veranstaltung? Ich habe viele schöne Projekte kennengelernt – und auf diese Weise auch einiges darüber erfahren, was Kommunen tun können. Was mich ein wenig verstört hat und im Nachhinein beschäftigt, sind zwei Punkte.

Schnellzüge und Origami

Da ist zum einen der dramatische Widerspruch, die dramatische Fallhöhe zwischen dem, was wir für die Zukunft erwarten und unseren Strategien, mit diesen Entwicklungen umzugehen. So wissen wir, was für Folgen der Klimawandel haben wird, wir wissen, dass uns die Rohstoffe ausgehen werden. Je nachdem, welche Interessen man vertritt, hält man diese Folgen für mehr oder weniger dramatisch, doch selbst berufmäßige Optimisten scheinen mittlerweile anzuerkennen, dass der Klimawandel kommt – bzw. schon da ist –, dass die Folgen dramatisch sein werden und dass es eine menschliche Tragödie bisher nicht dagewesenen Ausmaßes geben wird. Wer sich über die Dimensionen des Problems ausführlicher informieren möchte, der lese die Studie Zukunftsfähiges Deutschland, die der BUND gemeinsam mit Partnern herausgebracht hat. Wie sehen unsere Lösungstrategien angesichts Millionen von Menschenleben, die auf dem Spiel stehen, aus? Energiesparbirnen und Hybrid-Autos – und selbst das tut nur die „gesellschaftliche Speerspitze“ in Sachen Zukunftsbewältigung. Und diese – oftmals wohlhabenden – Avantgardisten, verbrauchen genauso viel Ressourcen und emittieren genauso viel CO2 wie die sozial Benachteiligten, die weniger Gebildeten, wie der Vortrag von Herrn Dr. Wehrspaun vom Umweltbundesamt zum Thema Umweltbewußtsein auf dem Kongress deutlich machte. Angesichts dessen, was notwendig wäre, ist es als versuche man einen Zug, der mit 200 Sachen auf die Betonwand zurast, mit Origami-Figuren auf den Gleisen zu bremsen.

Pragmatismus: Packen wir es an!

Der zweite Punkt, der mich nach dem Kongress beschäftigt, hängt mit der pragmatischen Herangehensweise der Veranstaltung zusammen, die Projekte vorstellt und die Frage, wie der erstrebte Zustand, der Zustand der gerechten Verhältnisse aussieht, ausblendet. Die Stärke dieser Herangehensweise besteht natürlich darin, dass man sich Konflikte spart, die man im Rahmen einer solchen Konferenz auch nicht auflösen kann. Pragmatismus blendet aus, was man im Augenblick sowieso nicht ändern kann. Man konzentriert sich darauf, was man tun kann und tut es dann. Das hat Stärken: Man verliert nicht den Mut, konzentriert sich auf das Machbare, bringt Dinge auf den Weg. Die Alternative scheint oftmals Untätigkeit und Bewegungslosigkeit. Leider ist Pragmatismus aber eine zwiespältige Angelegenheit. Denn Pragmatismus kann auch bestehende Zustände zementieren: Es ist Pragmatismus, der Umweltverbänden in Form der Nicht-Machbarkeit immer und überall entgegengehalten wird, wenn sie Umweltstandards fordern. Pragmatismus ist die kurze Perspektive, die Problemen Prioritäten zuweist. Dabei werden die Probleme von Morgen immer unten in der Liste landen: Wettbewerb findet heute statt und heute bietet mein Konkurrent das Hemd zwei Cent günstiger an. Der Pragmatiker lebt im heute, solange es die anderen tun. Auf der Ebene der Individuen sieht das ganz ähnlich aus. Pragmatismus kann deshalb nicht die alleinige Lösung sein und ist vielleicht genau das, was wir überwinden müssen.

Was bleibt?

Die Konferenz war auf jeden Fall sehr anregend und ich hoffe, die DUH macht auf diesem Feld weiter. Es gibt viel, was zum Thema Umwelt und Gerechtigkeit noch gesagt und diskutiert werden muss. Was ich mir für einen zukünftigen Kongress wünschen würde, wäre eine Spur mehr Vision, eine Spur weniger Pragmatismus. Denn: So begrüßenswert viele der vorgestellten Projekte auch sind, so großartig das Engagement von Kommunen und Individuen auch ist – es genügt nicht, weil selbst die besten Projekte und Aktivitäten die vorgestellt wurden nicht ansatzweise eine Lösung unserer Probleme darstellen.

Comments

Dem Erlebnisbericht kann ich mich im Großen und Ganzen nur anschließen. Allerdings würde ich gern noch etwas konkreter unpragmatisch werden: Die Veranstaltung war sicherlich geglückt und all die vorgestellten Projekte verdienen bestimmt mehr Anerkennung als ihnen bislang (wahrscheinlich) zukommt.

Auf der anderen Seite hat sich auf dem Kongress auch mal wieder bestätigt, dass viele (wichtige!) Fragen auf dem Weg zu (mehr) Umweltgerechtigkeit gerne ausgeblendet werden: Eine Frage, die mir während der gesamten Veranstaltung auf den Nägeln brannte, war z.B.: Warum tragen all diese Projekte eigentlich zu mehr sozialer Gerechtigkeit bei?

Unter anderem auf diese Frage hatte ich mir eine Antwort erhofft, hieß doch der Untertitel der Tagung "Handlungsmöglichkeiten für mehr soziale Gerechtigkeit durch kommunalen Umweltschutz". Und stellt man nun Handlungsmöglichkeiten vor, müsste man ja auch etwas zur dahinter liegenden Gerechtigkeitsidee sagen - frei nach dem Motto: "das und das ist für mich gerecht, deshalb trägt unser Projekt zu sozialer Gerechtigkeit bei". Dabei kommt es ja auch nicht auf einen einstimmigen Konsens an - mir hätte schon gereicht, wenn die Redner zu Beginn ihrer Vorträge z.B. gesagt hätten "für mich ist Gerechtigkeit Gleichheit im Sinne von...", "ich verstehe unter Gerechtigkeit den Ausgleich von Unrecht" oder Ähnliches...

Ich denke, dass hier ein Grundproblem des modernen Naturschutzes zutage kommt: man ist oftmals nicht bereit, über die Grundlagen seiner Unternehmungen zu sprechen - dabei wäre das so wichtig, um eine vernünftige Begründungsbasis der eigenen Forderungen sowie bessere Karten in Diskussionen zu haben.

Zu diesen Grundlagen gehören meiner Meinung nach auch Diskussionen darüber, vor welchem Zeithorizont man Projekte anlegen sollte, wie man mit Leuten umgeht, die sich (vielleicht, vielleicht aber auch nicht wider der Vernunft?) nicht am Umweltschutz beteiligen wollen und vieles mehr.

Vielleicht könnte man an dieser Stelle eine kleine Diskussion beginnen - ich jedenfalls würde mich freuen...

Post new comment

The content of this field is kept private and will not be shown publicly.
CAPTCHA
This question is for testing whether you are a human visitor and to prevent automated spam submissions.
Fill in the blank