Internationale Klimaschutzregion Bodensee auf den Weg bringen
PRESSEMITTEILUNGRadolfzell, 04.04.2007
Internationale Klimaschutzregion Bodensee auf den Weg bringen
Energieeinsparung und Erneuerbare kontra fossile Energien und Atomkraft
Regionale Antworten auf globale Fragen
Der Klimaschutz wird nicht nur global, sondern auch regional eine der zentralen ökologischen, wirtschaftlichen und sozialen Herausforderungen für die Gesellschaft. In einem Dreiklang gilt es, einen Beitrag dazu zu leisten, die bevorstehende Temperaturerhöhung abzubremsen, sich vor den Auswirkungen des Klimawandels zu schützen bzw. sich anzupassen und wirtschaftlich wie sozial die richtigen Antworten in einer Region zu geben und umzusetzen. Für die Bodenseeregion kommt hinzu, dass es sich um eine internationale Region handelt, in der Menschen aus drei Ländern gemeinsame Antworten auf diese Herausforderung geben müssen. „Wir fordern deshalb alle politisch, gesellschaftlich und wirtschaftlich Verantwortlichen der Region auf, sich ohne schuldhaftes Zögern dieser Zukunftsaufgabe zu stellen", erklärt Jörg Dürr-Pucher, Präsident der Bodensee-Stiftung.
Die vergangenen Monate haben die Welt des Klimaschutzes vom Kopf auf die Füße gestellt. Wurden Wissenschaftler, Umweltpolitiker und Umweltverbände in den vergangenen Jahren belächelt oder bekämpft, wenn sie sich für deutliche Anstrengungen im Klimaschutz eingesetzt haben, scheint sich das Blatt – zumindest in den Medien – während der vergangenen Wochen gewendet zu haben. Journalisten, Künstler, aber auch Politiker und selbst Wirtschaftsführer bekennen sich wahlweise zur Verantwortung der Gesellschaft, des Unternehmens oder ihrer Person im Bezug auf die Reduzierung des Ausstoßes von Treibhausgasen. Das CO2 und die anderen Treibhausgase, wie Methan oder Lachgas erscheinen manchen als so bedrohlich, dass die Atomindustrie in Deutschland und der Schweiz ungeniert davon spricht, verstärkt auf die Atomkraft zu setzen. Atombefürworter wollen mit Verweis auf den Klimaschutz die unabschätzbaren Risiken länger als im Atomausstieg für Deutschland geplant, in Kauf nehmen. Sogar der Neubau von Atomkraftwerken wird wieder erwogen.
All die Berichte, Appelle und Filme, die jetzt zum Klimaschutz weltweit gezeigt werden, haben bislang jedoch in der Bodenseeregion wenig Widerhall und Niederschlag gefunden. Es geht noch kein Ruck durch die Region, sich dieser wichtigen Zukunftsaufgabe zu stellen. Auf die kritischen und aufrüttelnden Kommentare in den Zeitungen und in den Radioprogrammen ist bislang von der Elite aus Politik, Gesellschaft und Wirtschaft am Bodensee kaum reagiert worden. Doch seit der Umwelt- und Klimaschutz auf Platz zwei der politischen Bedeutungsskala in Deutschland zurückgekehrt ist, haben auch Bundes- und Landespolitiker, die von Amts wegen nicht im Umweltbereich aktiv sind, erkannt, dass sich ihre Wahlchancen erhöhen, wenn sie sich für den Klimaschutz einsetzen.
Die Bodensee-Stiftung fordert deshalb die Verantwortlichen in der internationalen Bodensee-region dazu auf, Strategien für die drei zentralen Bereiche Strom, Wärme und Kraftstoffe zu entwickeln. „In einem auf die Vorgaben der EU und der Schweiz abgestimmten Konzept soll der Verbrauch intelligent reduziert werden, die Energieumwandlung effizienter gestaltet werden und die mit CO2-Emissionen verbundenen fossilen Brennstoffe durch regenerative Energiequellen ersetzt werden", verlangt Marion Hammerl, Geschäftsführerin der Bodensee-Stiftung. Die ökologische, ökonomische und soziale Zukunft der Region wird ganz maßgeblich davon abhängen, ob ein solcher Transformationsprozess schnell und innovativ, aber auch wirtschaftsverträglich verläuft.
Dabei haben die unterschiedlichen Länder Beiträge, Kenntnisse und Fähigkeiten in ganz unterschiedlichen Bereichen beizutragen. Die Schweiz ist führend bei der Energieeffizienz und der Geothermie, Österreich ist Weltmeister in der Nutzung von Biomasse zur Herstellung von Strom und Wärme. Deutschland ist führend zu Fragen der Solar- und Windkraft. Die Verbindung dieser Fähigkeiten und Fertigkeiten, die Schaffung von Netzwerken verschiedener Unternehmen, Landkreise, Gemeinden, Energieagenturen und Verbände sowie die Umsetzung des technischen und technologischen Vorsprunges in wettbewerbsfähige Produkte wird der internationalen Bodenseeregion nutzen. Neben dem Beitrag zur Lösung des Klimaproblems werden auch zukunftsfähige Arbeitsplätze, regionale Wohlstandsgewinne und soziale Sicherheit geschaffen.
Die Region verfügt über Unternehmen, die sich zum Ziel gesetzt haben, mehr als 30 Prozent der Wärme und des Stroms in der ganzen Region auf der Basis erneuerbarer Energien bereitzustellen. Die Stadtwerke, seien sie noch selbständig oder bereits in den Händen der großen Energieversorgungsunternehmen, können bei den anstehenden Herausforderungen eine ganz wertvolle Rolle spielen. Der Klimawandel wird global sehr viele Verlierer und wohl keine echten Gewinner hervorbringen. Dennoch wird es Regionen geben, die einen höheren Preis zu zahlen haben, während andere sich leichter anpassen können. Nach den Informationen der Landesregierung Baden-Württemberg wird der Temperaturanstieg in der Bodenseeregion stärker ausfallen als in anderen Landesteilen.
Diese von Menschen gemachten Veränderungen in unserer natürlichen Umgebung sind für uns ein ganz wichtiger Auftrag, jetzt schnell politisch ernst zu machen und mit allen geistigen und wirtschaftlichen Ressourcen der Region uns dem Klimawandel und seinen negativen Folgen entgegenzustellen. Je schneller die dafür notwendigen Veränderungen angegangen werden, desto geringer und steuerbarer werden die Auswirkungen im ökonomischen, ökologischen und sozialen Bereich sein. Unsere Lebensqualität und wichtige wirtschaftliche Bereiche, wie Landwirtschaft und Tourismus sind davon abhängig, dass wir erfolgreich in den Klimaschutz investieren.
Wir müssen uns der Diskussion über die Einschnitte in der Lebens-, Umwelt- und Landschaftsqualität stellen. Der Einsatz erneuerbarer Energien ist in der Fläche spürbar. Rapsfelder für Ölmühlen, Maisfelder für Biogasanlagen, Windkraftanlagen oder Solarzellen brauchen Platz, verändern bisherige Nutzungen und beeinträchtigen das Landschaftsbild. Schornsteine kleiner Biomasseheizkraftwerke verändern ein Stadtbild. Wasserkraftanlagen beeinträchtigen den ökologischen Wert eines Fließgewässers. Deshalb ist ein Ausgleich zwischen den Belangen des Naturschutzes und des Klimaschutzes unbedingt nötig.
Ein erster wichtiger Schritt, um die internationale Bodenseeregion wetterfest für den Klimawandel zu machen, wäre daher ein Bündnis für den Klimaschutz. Ausgehend von der politischen Ebene, unterstützt von Unternehmen und Verbänden, könnte man auf dieser Plattform nach konkreten Wegen und Verbesserungen suchen, die die Treibhausgas-emissionen in unserer Region deutlich mindern und gleichzeitig exportfähige Technologien auf den Weg bringen, um Arbeit und Wohlstand zu schaffen, der die dafür nötigen Investitionen regional auch wieder erwirtschaften hilft. Das fordert von allen Beteiligten, lieb gewonnene Vorurteile abzulegen und sich kooperativ zu zeigen. Die Bodensee-Stiftung und ihre Stifterverbände aus Baden-Württemberg, Vorarlberg, den Kantonen Thurgau, St. Gallen und Appenzell sind dazu bereit.
Weitere Informationen:
Jörg Dürr-Pucher, Präsident der Bodensee-Stiftung