Goliath in Davids Würgegriff - Notleidender Tourismus am Bodensee

Man hat es schon nicht leicht, wenn man den Bodensee - oder Teile davon - touristisch vermarkten will. Aktuell kann man von diesem Leid in einem Artikel des Südkuriers lesen: Neue Tourismusmodelle können nicht umgesetzt werden, stellt der Bürgermeister von Moos, Peter Kessler, fest. Wer ist schuld? Na, der Naturschutz natürlich! Der will nämlich nicht jedes "Tourismusmodell" mitmachen.

Und besonders schlimm dran sind natürlich Organisationen wie Tourismus Untersee, die offenbar Probleme haben, Projektmittel einzuwerben. Warum? Na, der Naturschutz natürlich! Der schnappert nämlich die Projektgelder wech, was Frau Kamp von Tourismus Untersee, die provokante die Frage stellen lässt, ob man denn Natur im Namen haben müsse, um Projekte finanziert zu bekommen.

Lieber Herr Kessler, liebe Frau Kamp!

Ich empfinde tiefstes Mitleid mit Ihnen! Immerhin ist es ja am Bodensee ganz besonders nachvollziehbar, wozu der "Ökofaschismus" so führt: Wie man in "Der Bodensee - Zustand - Fakten - Perspektiven" nachlesen kann, sind nur 50% des Bodenseeufers hart verbaut! Mensch: Da steckt doch noch Musik drin - wenn schon nicht Musik, dann jede Menge Platz für Badehandtücher, Liegewiesen und Uferpromenaden!

Ähnlich schlimm sieht es natürlich bei den Förderungen aus. Man nehme nur das Interreg-Programm. Die Liste der Begünstigten zeigt das ganze Ausmaß der Öko-Verschwörung: 100.000 € für die Seeforelle - die nur wenige Touristen sehen! 250.000 € für irgendwelches Klimawandelgedöns - wobei der Klimawandel doch die Sonnenstunden erhöht und den touristischen Verkaufswert des Bodensee. Und der Hammer: 360.000 € für irgendwelche Moore!

Und der Tourismus? Nur Almosen: 260.000 € für die Positionierung der Bodenseeregion hier, 330.000 € da für nachhaltigen Tourismus im Naturpark Nagelfluhkette (was ja aber gemein ist, weil das ja wieder mit Natur und Nachhaltigkeit zu tun hat). Lächerliche 360.000 € für Tourismusexperten und nur 50.000 für die Zukunftsstrategie Untersee!

Zum heulen!

Da wundert es einen nicht, dass der Tourismus am Bodensee am Boden liegt: Lächerliche 18 Millionen Übernachtungen in der Bodenseeregion 2010 und die 6 Millionen Menschen, die 2010 Konstanz besucht haben, verteilten sich in der weitläufigen Innenstadt von Konstanz, die sogar am Wochenende einer Geisterstadt ähnelt...

Aber mal ernsthaft. Ich möchte mal eine provokante Gegenfrage stellen: Weshalb sollte man touristische Projekte, solange sie nicht einen deutlichen Mehrwert für die Region haben, der über die Vermarktung der Region hinausgeht, überhaupt fördern? Ich kann dies bei Projekten zu neuen, nachhaltigen Tourismusformen und Angeboten verstehen. Aber sonst? Warum einen so starken, so prosperierenden Wirtschaftszweig fördern?

Tourismus ist in der Bodenseeregion ein riesiges Geschäft und Politik und Gesellschaft passen sich diesem Geschäft weitestgehend an: Wir gestalten unsere Städte, damit die Touristen alle schnell einen Parkplatz finden, diskutieren lustige (m.E. alberne) Fontänen, damit es eine "Attraktion" mehr gibt. Wir diskutieren, ob es sich lohnt den Radolfzeller Bahnhof in die Erde zu verlegen, damit es einen ungehinderten Seezugang gibt. Hand aufs Herz: Auch das tun wir für den Tourismus! Die Liste könnte ewig fortgeführt werden und so mancher Schildbürgerstreich ist da auch zu finden...

Fragen, ob man ein "Natur" im Namen haben müsse, um Projekte finanziert zu bekommen, sind geradezu lächerlich: Das wirkt auf mich als würde sich Goliath beschweren, er müsse gegen den David antreten. Umso lächerlicher erscheint es, da jede Stadt am See im Bereich Tourismus außerordentlich aktiv ist und auch einiges an Geld dafür locker macht - Institutionelle Förderungen, von denen der Natur- und Umweltschutz in diesem Ausmaß nur träumen kann!

Ich kann Ihnen sagen, dass man in unserem Beruf (Natur- und Umweltschutz) außerordentlich frustrationsresistent sein muss: Wir laufen uns mindestens genauso sehr wie Sie die Hacken ab, um Projekte zu finanzieren, auch wir haben die Erfahrung gemacht, dass Projekte abgelehnt werden, die andere dann fast genauso bewilligt bekommen und man hat mit vielen Menschen Kontakt, die ein wenig rückwärtsgewandt sind und das "neueste Tourismusmodell" umsetzen wollen. Oder mit Menschen, die provokante Fragen stellen.

Ich für meinen Teil lasse mir gerne mal provokante Fragen stellen...

Natur hat keinen riesigen Wirtschaftszweig hinter sich. Natur braucht den Schutz vor Einzelinteressen. Und nicht zu vergessen: Auch der Tourismus profitiert immens davon, wenn Natur in der Region erhalten bleibt.

Zum Abschluss ein pragmatischer Tip: Wenn Sie glauben, dass es am "Natur im Namen" hakt, könnten Sie Ihren Namen ja ändern. Wissen Sie was? Wenn Sie einen Wettbewerb zur Namensfindung draus machen, spende ich einen Präsentkorb "Gutes vom See" als Preis!

 

Kommentare

Ein herzliches Grüß Gott zum "Bodans-"See! Selbstverständlich ist der Tourismus dort seit mehr als beihnahe 60 Jahren ein ganz gewichtiger Wirtschaftsfaktor, den die verschiedenen wissenschaftlichen Analysen allerdings noch niemals auch nur annähernd erfassen konnten. Die vorhandenen oder vorgelegten statistischen Materialien sind und waren niemals exakt oder kömplett überprüfbar! Dass die "Erfolgsquote" im langjährigen Durchschnitt immer ansteigt, sollte allen im Tourismus Beschäftigten und/oder daran Verdienenden inzwischen doch wohl zu denken geben! Ich selbst beobachte und analysiere seit 1963 diesen verhängnisvollen Trend auch und vor allem als Geo-Wissenschaftler. Wie sehr die "Grenzen des Wachstums" inzwischen ebenfalls diese südliche Urlaubslandschaft erreicht haben und damit vor allem der Erholungsfaktor nicht nur schwindet, sondern zu kippen droht, müsste inzwischen allen Hell- und Einsichtigen klar sein. Meine zugegeben nur noch stichprobenartigen Exkursionen lassen mich im Sommer negativ und im Winter positiv erschrecken und erstaunen zugleich. Wenn die Kultur- und restliche Naturlandschaft weiterhin mit den Belastungsfaktoren drangsaliert wird wie in den letzten 20-30 Jahren, dann muss man kein Orakel von Delphi sein, um das Kippen des Landschaftsjuwels zu prophezeihen, was sich aus (anderen) ökologischen Fakten bereits im Jahre 1973 abzeichnete. Damals nahmen die politisch Verantwortlichen gigantische Geldmengen zur Hand, um gegenzusteuern, was heute wirtschaftlich nicht mehr möglich ist. Also ist es doch wohl goldrichtig und effektiv, ausschließlich diejenigen Ressourcen zu fördern oder zu unterstützen, welche als Basisfaktoren die Nachhaltigkeit und langfristige Wirksamkeit der Fremdenverkehrswirtschaft sichern oder sogar fördern. Die sehr alte indianische Weisheit dürfte zwar lange bekannt sein, aber keineswegs hinlänglich berücksichtigt werden, nach der unsere Natur und Umwelt niemals unser Eigentum ist, sondern uns von Kindesbeinen an lediglich geliehen wurde. Lasst uns daher niemals den Ast absägen, auf dem wir alle auch in der "Maien-, reichen oder linden Aue" sitzen!

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