Der Kubus ist tot - lang lebe die Lücke!

Aufregung, wie man sie wohl nicht allzu häufig – im doch eher beschaulichen Radolfzell –erlebt: Der Kubus des Anstoßes fand sich in den Plänen des Architekturbüros Marte und Marte. Die Pläne hatten den ersten Preis des Wettbewerbs für den Umbau und die Erweiterung des Österreichischen Schlösschens gewonnen, das prominent am Marktplatz von Radolfzell steht und im Augenblick die Stadtbibliothek beherbergt. Die Pläne sahen jedenfalls vor, zwischen das Schlösschen und das Kaufhaus Kratt einen ebensolchen Kubus aufzustellen, der – aus Sicht der Architekten – eine Baulücke geschlossen hätte.

Doch die Radolfzeller sahen das anders, bekannten ihren Mut zur Lücke und brachten die Sache zu Fall: Eine Infoveranstaltung musste kurzerhand vom Rathaus ins Milchwerk umziehen; über 500 Radolfzeller machten ihren Emotionen Luft.

Die Argumente sind in diesen Fällen immer gleich: Da gibt es die Sparfüchse, die fragen, ob man das neue Gebäude wirklich braucht; die, die das Ding einfach hässlich finden und natürlich – wie immer in einer Stadt mit historischen Bauten – die Leute die an das Geschichtsbewusstsein appellieren. Ist ja auch keine einfache Frage: Was will die Stadt sein, wie will sie sich präsentieren? Noch schwieriger wird es, weil in einer Stadt viele Menschen biographisch einschneidende Erlebnisse mit solchen Gebäuden – oder Lücken – verbinden und sich deshalb nicht vorstellen können, dass an der Stelle ihres ersten Kusses jetzt so ein Kubus hingestellt werden soll… Das war früher, als Städte noch alle paar hundert Jahre abbrannten einfacher…

Ich gebe zu: Ich habe keine Meinung und kann mir das auch leisten, da ich nicht in Radolfzell wohne.

Interessant finde ich aber die Frage, was da wo und an welcher Stelle im Ablauf schief gegangen ist: Ich habe mir die „Ausstellung“ angeguckt (das sind die Bilder auf dieser Seite), die die Wettbewerbsergebnisse vorstellte. Ich fand es ein wenig merkwürdig, dass die Ausstellung sehr huddelig zwischen erstem und zweitem Stock im Rathaus aus ein paar Stellwänden bestand. Die Gipsmodelle hatte man recht lieblos auf Stühle vor die Stellwände gestellt: Als hätte man einfach nicht damit gerechnet, dass sich jemand drum schert! Auch ohne großes Trara hätte man das besser gestalten können.

Auffällig war auch, dass in den Zeitungsartikeln und Meinungsbekundungen zum Thema immer darauf verwiesen wurde, wie toll man es findet, dass die Bürger sich mal für was interessieren.

Und genau das scheint schief gelaufen zu sein: Die Bürger waren nicht richtig eingebunden bzw. haben sich nicht einbinden lassen und waren erst bei der Sache, als die Siegerpläne feststanden. Ob das nun daran liegt, dass Verwaltungen nicht genug unternehmen, um die Menschen vor Ort einzubeziehen oder die Menschen sich einfach nicht einbeziehen lassen und lieber ihrem Privatleben nachgehen – da hat sicherlich jeder eine andere Ansicht.

Fakt ist, dass die ganze Sache sicherlich für niemanden angenehm war: Weder für die Verwaltung und den Bürgermeister, noch für die Architekten und so richtig Spaß hatten die Bürger an der Sache sicherlich auch nicht.

Für die Prozessanalyse ist es wohl noch ein wenig früh. Würde mich aber interessieren, ob diese stattfindet und wie die Beteiligten darüber denken… Wie kann so was zielgerichtet geplant werden und dabei die Menschen schon zu Beginn mitgenommen werden? Ich bin parteiisch und behaupte, dass man einige Antworten sicherlich im kommunalen Nachhaltigkeitsmanagement finden kann.

 

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